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Rezension von Jakub Balzek zur Veröffentlichung

Wissenschaftlicher Austausch findet (fast immer) in Form von Sprache statt. Von der Qualität der Sprache hängt es auch wesentlich ab, ob das Gedachte gut festgehalten und für Andere verstehbar gemacht wird. Sprache ist nicht bloßes Vehikel für nicht-sprachliche Inhalte, sondern Form und Inhalt gleichzeitig. Das Wie entscheidet immer auch über das Was in einem Text.


Sprache wird im Vollzug, also in jeder Anwendung des Schreibens und Sprechens, ständig verändert und neu gestaltet, sie lebt. Sie ist der Ausdruck unseres Denkens, prägt aber ihrerseits wieder das Denken selbst. Sprache schafft letztlich Wirklichkeit – Zeitgeist, Kultur schlechthin und auch Wissenschaft.


Wie schreibe ich eine wissenschaftliche Arbeit? Auf diese allgegenwärtige Frage von Studierenden und (Jung-) AkademikerInnen gibt die Klagenfurter/Celovecer Sprachforscherin und Professorin für interdisziplinäre Forschung Maria Nicolini in ihrem neu erschienenen Werk „Wissenschaft ist Sprache“ eine Antwort, wie man sie in der sonst üblichen Ratgeberliteratur zu wissenschaftlichem Schreiben (à la „Diplomarbeit leicht gemacht“) nicht finden wird. Wir haben es bei diesem Buch nämlich weder mit einem Ratgeber zu tun (anstelle von Ratschlägen wird angenehm zum eigenen Denken angeregt), noch mit einer trockenen sprach- oder wissenschaftstheoretischen Abhandlung (deren Entfernung zur akademischen Praxis man allenfalls hinterfragen könnte). Hier wird anhand von nachvollziehbaren Beispielen deutlich vorgeführt, wie sprachlicher Gebrauch in der Wissenschaft aussehen kann: Texte sind verschwommen und verschleiernd, oder klar und deutlich; voll von Floskeln und sich hinter der Fachterminologie versteckend, oder erhellend und einladend; aufgebläht und nichtssagend, oder kurz und prägnant, oder schließlich, im Idealfall, vollendet und in sich geschlossen, getragen von argumentativer Klarheit und brillianter Leichtigkeit.


Ohne dogmatische Regeln aufstellen zu wollen, gibt die Autorin Leitlinien vor, von deren Wirkung auf die Qualität des eigenen Schreibstils sich jede Leserin und jeder Leser unmittelbar überzeugen kann. Wortwahl, Satzbau, geeignete und wenig geeignete Ausdrucksmittel werden, ganz ohne Zwang oder Tabuisierungen, vorgestellt und ausprobiert.


Im übrigen ist „Wissenschaft ist Sprache“ ein Buch von doppelter praktischer Nützlichkeit: so wie seine Lektüre die eigene Art zu schreiben grundlegend verändert, so gilt dies gleichermaßen für das Lesen und Verstehen fremder Texte. Wie auf einen Schlag werden nun, ausgerüstet mit der Fähigkeit der sprachlichen Dekonstruktion und textlichen Analyse, die Prozesse und Absichten hinter dem Schreiben sichtbar: seien dies inhaltliche Unsicherheit eines aufgeblähten Textes, tendenzielle Rhetorik und manipulative Absichten, oder auch die Intention, mit vielen Worten vorsätzlich nichts zu sagen.


„Wissenschaft ist Sprache“ ist auch eine Aufforderung, ein Werkzeug zur Kritik: das erarbeitete Sprachverständnis bietet eine solide Grundlage beim Argumentieren, beim Begründen von Urteilen, die man sich von Texten bildet. Eine dauerhafte Veränderung der Schreib-, Lese- und Denkweise ist gewiss. Maria Nicolini gelingt es, unser Denken in Sprache und unser Denken über Sprache kritisch zu hinterfragen, ja sogar grundlegend zu ändern. Es ist ein Buch für alle StudienanfängerInnen, fortgeschrittene Studierende und junge AkademikerInnen; nicht bloß der Geistes- oder Textwissenschaften, sondern für alle, die mit Sprache arbeiten und sich genau, verständlich und elegant ausdrücken wollen. Das Buch besticht durch eigenen sprachlichen Glanz und Scharfsinn und gibt kostbare Literaturhinweise zu diesem im Universitätsbetrieb ansonsten notorisch vernachlässigten Themengebiet.


Dieses leicht lesbare und dennoch so ergiebige Werk sei allen wärmstens empfohlen, die nicht bloß eine einfache Punkt-für-Punkt-Anleitung suchen, sondern sich eingehend, dafür aber auf hoher qualitativer Ebene, und damit letztlich mit größerer Freude, mit dem Schreiben auseinandersetzen möchten.

   
Maria Nicolini: Wissenschaft ist Sprache. Form und Freiheit im wissenschaftlichen Sprachgebrauch, Wieser Verlag. Klagenfurt/Celovec 2011. 19,90 EUR

Weitere Informationen zur Veröffentlichung stehen zum Download zur Verfügung.